Rudolf-Steiner-Schule Ismaning



Krise bedeutet nicht zuletzt: Zeit zum Handeln. Wer sollte Handeln und wie?

Es gibt die Initiative „Iden“: Identity through action. Identität heißt, ich lerne wer ich bin indem ich handele. Handeln ist Selbstermächtigung, zu sich selbst zu sagen, ich kann und ich probiere es. Und dann stellt man auch noch fest, wenn ich was mache, dann geht es mir besser.
Es ist sicher so, dass man an der Ethik dieses verrückten Systems schrauben muss, wobei es doch insgesamt und weltweit eher um einen Wertewandel geht. Es gibt keine eine Lösung. Wenn jetzt hier gesagt wird, dass Wirtschaft anders funktionieren muss, wenn Mohammed Junnus kommt und social business erklärt, und Leute anfangen das nachzumachen und eine andere Form von Wirtschaft langsam sich durchsetzt, dann ist das ein Weg. Doch wenn das der einzige Weg wäre, wäre das viel zu langsam. Wir brauchen also gleichzeitig eine Bewegung, die Zerstörung verhindert oder abbremst. Also die Umweltbewegungen. Und man brauch Leute die sich darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft leben wollen, also die psychologisch/philosophische Bewegung. Und all die wirken irgendwie zusammen.
Wir haben also eine Erhaltungs- und eine Zerstörungsdynamik aber wir können nicht erkennen: wird mehr zerstört oder wird mehr neu geschaffen? Ich finde es spannend zu sehen: wir sind gleichzeitig Strebebegleiter eines alten Systems und Geburtshelfer eines neuen. Weil beides gleichzeitig passiert. Wenn man immer nur auf den Sterbebeleiter schaut, dann denkt man: „Oweh.“


Was droht uns denn in naher Zukunft – wo müssen wir am schnellsten handeln?

Ich glaube, dass durch das Ende vom Öl sich unser Leben dramatisch verändern wird. Dieses ganze System baut doch darauf. Sieh mal, was wir alles mit Öl machen können. Öl ver70facht die menschliche Arbeitskraft. Aber das geht zu Ende. Auf der Spanne der letzten 2000 Jahre sind Kohle, Öl und Plutonium nur eine kleine Strecke. Und wenn diese drei dann bald aufhören, dann ist dieses Potential mit dem man unglaublich viel leisten kann, wie Dampfmaschinen, Flugzeuge, Schiffe und mechanische Fabriken zu Ende. Auch unsere Landwirtschaft hängt mit Pestiziden und Düngemitteln am Öl. Plastikflaschen und Verpackungen – alles Öl. Wenn das nicht mehr da ist, dann haben wir auch in Deutschland innerhalb kurzer Zeit eine Hungersnot – wenn wir nicht umstellen auf ökologische Landwirtschaft.  Und zwar deshalb, weil die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. Dann sind die Läden leer, weil aus dem Ausland keine Lebensmittel hertransportiert werden,
Zur Entwicklung einer neuen Technologie, die das ersetzen kann, braucht man etwa 30 Jahre. Aber das Oil-Peak läuft jetzt schon: seit 7 Jahren fördern wir ein Maximum und langsam geht’s damit abwärts.
Aber eine Umstellung ist möglich: Auf Cuba hat eine Initiative den alternativen  Nobelpreis bekommen weil sie es innerhalb von drei Jahren geschafft haben, das Land auf ökologische Ernährung umzustellen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die Russen den krummen Handel „Rohrzucker gegen viel Geld (30fache den Weltmarktpreises) sowie Düngemittel und Pestizide,  eingestellt. Die Monokultur auf Cuba konnte nicht mehr funktionieren und Castro hat gesagt: „Leute, baut in euren Gärten organisch an“. Das war schlau, denn ansonsten wäre er wegen einer Hungersnot weggefegt worden. Heute hat Cuba zu 95% bio-dynamische Landwirtschaft. Wir sehen: es geht also, aber nur durch Krise. Je mehr Krisen passieren, umso schneller kommen die Veränderungen.


Wir sind beide um die 50 – was geben Sie den Schülern hier auf der Werkstattwoche „Wirtschaft anders denken“ an der Waldorfschule Ismaning mit auf ihren Zukunftsweg?

Eure Aufgabe, als junge Generation ist, Krisen so zu managen, dass nicht alles aus dem Ruder läuft. Je stärker die Krise, umso instabiler die Strukturen. Das heißt auch: in der Krise kannst Du viel mehr umsetzen als wenn es einigermaßen stabil ist.
In Dänemark gibt es eine Privatuniversität, die nennen sich die Chaos-Piloten. Die sagen: Die Generation, die jetzt kommt, wird die Aufgabe haben, in chaotischen Verhältnissen den Überblick zu bewahren und mit kleinen Schritten maximale Veränderungen produzieren. Also nichts reparieren und den status quo ante wiederherstellen, sondern die Krise zu nutzen und Veränderungen zu initiieren, die dann das ganze System auf ein anderes Level heben. Hans-Peter Dürr hat mal gesagt: Die ganze Welt ist in Schieflage und das einzige, das wir tun ist, dauernd neue Gummisohlen zu erfinden, damit wir nicht abrutschen.


Was bedeutet Ihnen die Globalisierung?

Globalisierung ist eine schöne, aber so wie es gemacht wird idiotische Idee. Ich denke, dass man mit guten Produkten und fairem Handel durchaus global handeln kann. Aber solange Globalisierung daran gebunden ist, dass ein kolonialistisches System immer weiter ausgeweitet wird, ist es ein selbstmörderisches Programm. Ein positives Wachstum wäre das, was die Welt lebendiger macht und nicht kaputter. Also eines, das nicht Ressourcen klaut und Potentiale an Geld und Geist abzieht sondern den Menschen dient und wo das, was erwirtschaftet wird, in Bildung und Kultur hineinfließen, Grundbedürfnisse befriedigt
Das wird für den Westen ein Downsizing bedeuten aber ich denke ohnehin dass dieses hohe Maß an Konsum nur dann nötig ist, wenn wir insgesamt sehr unglücklich sind. Also, je besser es uns innerlich geht, umso besser kann man sich vom überbordenden Konsum verabschieden. Ich brauche kein großes Auto, wenn ich mit mir selbst zufrieden bin (lacht).

Bei Ihnen dräut schon hie und da der Weltuntergang – haben sie eigentlich eine stark pessimistische Ader?

Ich bin kein Kulturpessimist. Es gibt sehr viele Projekte die Hoffnung machen: Jakob von Uexküll, der den alternativen Nobelpreis begründet hat, sagt, es gibt zuviel Gutes um Pessimist zu sein und zuviel schlechtes, um Optimist zu sein. Er wäre Possibilist!
Das ist ein guter neuer Begriff; zu schauen, wo entstehen neue Möglichkeiten. Und die entstehen überall.
Dieses Bild, dass wir dabei zuschauen, wie etwas altes kaputt geht und zugleich etwas neues entsteht hat ja eine erschreckende Gleichzeitigkeit. Und wenn wir wüssten, unsere Bemühungen gingen ins Leere würden wir nichts tun also handeln wir weil es die einzige Chance ist und wir eben nicht wissen, wie es ausgeht.
Die Aktiven weltweit sind ja keine Sozialromantiker sondern kämpfen oft unter Einsatz ihres Lebens darum die Verhältnisse zu verändern. Und hier für uns geht es darum, dass wir von solchen Projekten lernen. Denn wenn man sich anschaut, was auf uns zukommt (End of Oil, vermehrte Emigration, weniger Sozialstaat, mehr Notwendigkeit zur Selbsthilfe, Lösungen für neue Probleme finden,) dann glaube ich dass von den Alternativprojekten viel gelernt werden kann . Also von zivilgesellschaftlichen Projekten die selbst aus der Not heraus Veränderung geschaffen haben. Es braucht die Krise, damit wir weiterkommen. Solange es uns einigermaßen gut geht, werden wir ziemlich wenig tun. Erst wenn wir ins schnaufen kommen werden wir schauen, wie sind Leute, die schon vorher ins schnaufen gekommen sind, damit umgegangen. Was haben sie für Lösungen gefunden und was können wir davon lernen.
Ich bin davon überzeugt, dass dieses System so selbstmörderisch ist, dass es in den nächsten Jahren um das überleben von Zivilisationen gehen wird. Das ist eine heftige Situation, in die wir uns da hineinmanövriert haben und wir lernen oder ziemlich viele Leute werden draufgehen. Also keine Sozialromantik sondern sehr viel Realismus ist nötig.


Einen ganzen Tag lang begleiten Sie uns hier bei „Wirtschaft anders denken“ Wie ist es für Sie, mit so jungen Menschen, mit Schülern, zu arbeiten?

Mit den Schülern hier bei der Werkstattwoche „Wirtschaft anders denken“ zu arbeiten ist eine echte Herausforderung. Ich kann keine Lösung anbieten, ich kann nur die Fenster putzen, durchgucken müssen alle selber. Ich kann andere Perspektiven anbieten und aufzeigen, dass man was verändern kann.

ENDE