Rudolf-Steiner-Schule Ismaning


So war es auch nicht verwunderlich, dass ich mich nicht recht auf die Wirtschaftswoche an meiner Schule freute. Diese Einstellung hatte ich bis zu meinem Landwirtschaftspraktikum in Südfrankreich. Ein kleiner alter Hof in den Cevennen, der einem jungen Ehepaar mit ihrer 4-jährigen Tochter gehörte. Wasser aus der Quelle, Essen vom eigenen Feld. In voller Unabhängigkeit, Aussteiger unserer Welt. Viele lauwarme Abende verbrachten wir mit dem Bauern Stephan Kyaw und redeten über die Zukunft. Er hatte sich viel Wissen über Bücher und Erfahrungen angeeignet und war ein leidenschaftlicher Nachdenker. Wir diskutierten Stunden mit ihm, hörten seine Ansichten an und unser Interesse an den Themen erwachte. Diese verfolgten mich bis in den Schlaf und ich erlebte ein paar schlaflose Nächte. Plötzlich war Wirtschaft nicht mehr ein fiktiver Haufen aus nichts sagenden Zahlen und Konzernen, sondern etwas sehr persönliches, etwas das mich beschäftigte, manchmal sogar beängstigte. Ich kam mir viel zu klein vor um all diese riesigen Dinge die auf uns zukommen, aufzuhalten oder zu verbessern. Und so begann ich mich für die Wirtschaftswoche zu interessieren, mich darauf zu freuen. Ich war dankbar dass die Schule uns diese Woche ermöglichte um uns einen klaren Blick auf alles Verschwommene unserer zukünftigen und jetzigen Welt zu geben.
Im Laufe der Woche wurden uns Fragen gestellt, die uns durch den Kopf schwammen: Wem gehört der Mond? Was macht die Bank mit meinem Geld? Was für Vor-und Nachteile hat der Zins? Wäre eine neue Währung die Lösung für alles? Was ist das Grundeinkommen? Was kann ich als Mensch tun? Was kommt auf uns zu? Dabei kamen immer neue Gefühle auf: Wut auf die Banken und „Reichen“ , Fassungslosigkeit über Kapitalisten, Enttäuschung über verpatzte Chancen aber auch mulmige Gefühle wenn wir an die unzurechnungsfähige Zukunft dachten. Trotzallem kamen wir immer mit dem Gefühl etwas Gutes getan zu haben, weiter gekommen zu sein, aus den Kursen und Vorträgen. Die ganze Woche war nur auf uns Schüler ausgerichtet und Abends kamen wir alle vollgepumpt nach Hause. In dieser Woche erlebte man viele Menschen von ihrer anderen Seite, sogar der sonst desinteressierteste Schüler diskutierte in den Workshops, oder hörte interessiert zu, und an den Tagen an denen die Gastschüler bei uns waren konnte sogar der sonst so hilfreiche Herr Weißinger, auf die Frage wo der Raum U2 liege, nur mit einem hektischen: „Schauen Sie auf dem Raumplan nach!“ antworten und weiter hasten. Es entwickelte sich eine große Gemeinschaft, vor allem an den zwei Tagen an denen wir rund 700 Menschen waren. Nach den Workshops saßen wir alle im riesigen Essenszelt vor Kaffee und Kuchen und tauschten uns über unsere Workshops aus.
Ich bin mir sicher dass nach dieser Woche, jeder die Welt ein bisschen anders sieht. Angefangen bei dem Bewusstsein wo mein Tee herkommt oder wieso mein Geld auf der Bank durch Zinsen mehr werden kann. Und vor allem sind wir uns allen bewusst was auf uns zukommt und wir haben schon eine kleine Grundlage entwickelt um uns helfen zu können.