Idee

"Wirtschaft anders denken"


Eine Werkstattwoche vom 26. September bis 1. Oktober 2010 an der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning

 



 

Pädagogische Gesichtspunkte



Es ist eine Tatsache, dass das Leben in unserer heutigen Zeit sehr stark vom Wirtschaftlichen beeinflusst wird und das Geschehen in der Wirtschaft und der Finanzwelt schwer zu durchschauen ist. Wie bereitet die Schule die jungen Menschen darauf vor, die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen? Und wie könnte aus einem solchen Verständnis heraus bei den Schülern, die ja zwangsläufig selbst aktiv und passiv Teil des Wirtschaftslebens sind, ein sinnvolles Handeln entstehen? Nicht nur das Konsumieren will gelernt sein (z.B. Gefahr der Verschuldung durch lockende, scheinbar günstige Verträge). Man wird sich nach der Schule und Ausbildung eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen haben, die vernünftig gestaltet sein will. Kann die Schule dafür etwas leisten?

Die Rudolf-Steiner-Schule Ismaning hat in den letzten Jahren vielfältige Anstrengungen unternommen, dem Thema Wirtschaft mehr Gewicht zu geben. Konkret gibt es neben einzelnen Ansätzen im Unterricht (wie z.B. im Fach Gartenbau) in der 7. Klasse Buchführungsunterricht, in der 10. Klasse ein zweiwöchiges Betriebspraktikum, in der 11. Klasse eine einwöchige Epoche Wirtschaftskunde und in der 12. Klasse im Geographieunterricht Wirtschaftsgeographie-/wirtschaftskunde. Praktisch wird das Thema angegangen dadurch, dass in der 7. Klasse ein Projekt begonnen wurde, Fair-Trade-Kaffee zu verkaufen, und dass es seit fünf Jahren die Schülerfirma Nyendo (www.nyendo.de) gibt, die klassenübergreifend organisiert ist und fairen Handel mit Kenia betreibt.

Die „Realwirtschaft“ zu verstehen ist das eine. Nicht erst seit der Finanzkrise ist jedoch deutlich geworden, dass das aktuelle Wirtschaftssystem eklatante Mängel aufweist und selbst in einer fundamentalen Krise steckt.

Wirtschaft muss offensichtlich anders gedacht werden, wenn sich etwas in der Zukunft ändern soll. Die Zukunft sind die jungen Menschen. Kann und sollte nicht Schule Ideen entwickeln, Ideen weitergeben, damit die Schüler an einer menschengemäßeren Wirtschaft mitarbeiten?

Lehrer, Schüler und Eltern der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning meinen „ja“ und wollen in einer bisher wohl einmaligen Art und Weise das Thema „Wirtschaft anders denken“ für eine komplette Woche in den Mittelpunkt der ganzen Schule stellen. Im Rahmen einer Werkstattwoche wird vom 26.09. - 01.10.2010 für die gesamte Oberstufe (Klasse 9-12) kein üblicher Unterricht gegeben, sondern es werden zum Thema Wirtschaft Kurse, Workshops, Betriebsbesichtigungen, Plenen, Filme, Vorträge und relativ neuartige Formen der gemeinsamen Arbeit wie „Open Space“ angeboten. Diese Veranstaltungen werden an einzelnen Tagen auch von Oberstufenschülern anderer bayerischer Waldorfschulen besucht werden. Neben einem Einblick in die „Realwirtschaft“ soll der Schwerpunkt auf einer Erarbeitung liegen, wie denn eine „Idealwirtschaft“ aussehen könnte.

Für die Werkstattwoche konnte der für die Planung verantwortliche Wirtschaftskreis der Schule schon eine Reihe hochkarätiger Fachmänner als Referenten gewinnen (siehe "Mitwirkende").

Für Eltern und alle an der Thematik Interessierten werden in dieser Woche an den Nachmittagen und Abenden öffentliche Vorträge und Workshops angeboten.

Eine anders gedachte Wirtschaft ist ein Thema, das alle angeht, und die Werkstattwoche „Wirtschaft anders denken“ soll für Schüler, Eltern und alle Interessierten eine Plattform bieten, sich in vielfältiger Form damit auseinanderzusetzen.

Klaus Weißinger

 



Die Dreigliederung des sozialen Organismus


Ich trete jetzt unvermittelt auf Sie zu und frage Sie: "Wie viel Geld braucht ein Mensch? Genauer gesagt, auch wenn es indiskret ist, wie viel Geld brauchen Sie? Haben Sie die Antwort? Dann wissen Sie jetzt, wie Sie im und zum Wirtschaftsleben stehen, ja, mehr noch, Sie wissen jetzt, woran Sie glauben."
So intim sind Wirtschaft und Mensch miteinander verknüpft, und dennoch sagen die meisten Menschen, sie verstünden von Wirtschaft wenig und hätten nicht viel mit ihr zu tun. Wirtschaft, das ist der Teil der Tageszeitung, der überflogen oder gleich zur Seite gelegt wird, etwas für Experten eben.
Eine tiefe Kluft besteht also zwischen dem tagtäglichen Drinnenstehen und Handeln im Wirtschaftsleben eines jeden Menschen und seinem Denken über die Wirtschaft. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Thema Wirtschaft auch an den Schulen nur gestreift wird. Auch unsere Schule, die Rudolf-Steiner-Schule Ismaning, verlassen die meisten Schülerinnen und Schüler, ohne jemals einen Kaufvertrag, zum Beispiel für ein Handy, zu Gesicht bekommen zu haben.
Das weitgehende Fehlen eines sachgemäßen Wirtschaftsunterrichts, die Kluft zwischen wirtschaftlichem Denken und Handeln und das Leiden an unserem Wirtschaftssystem, das nicht erst jüngst in die Krise geraten ist, führten an unserer Schule zu einem Vorhaben, das wohl einmalig in Deutschland ist: wir wollen im Herbst 2010 eine ganze Woche lang tagtäglich "Wirtschaft anders denken".

Das heißt nicht nur, sich seines eigenen Beteiligtseins bewußt zu werden, es heißt vor allem auch, sich mit den Alternativen zum gängigen Wirtschaften zu beschäftigen, die es schon längst gibt. Weltweit versuchen Gemeinschaften und Unternehmen anders zu wirtschaften, und anders bedeutet hier immer, gerechter für alle und im Einklang mit der Natur. Das Zauberwort dafür heißt Brüderlichkeit.
Dass Brüderlichkeit das Ideal ist, das im Wirtschaftleben verwirklicht werden soll, darauf wies schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie, hin. Er entwickelte die "Dreigliederung des sozialen Organismus" und legte dar, dass Geistesleben (Wissenschaft, Kunst, Religion), Rechtsleben (der Staat im eigentlichen Sinn) und Wirtschaftsleben als drei voneinander unabhängige Bereiche existieren können müssen, wenn der soziale Organismus als Ganzes gesund werden und es bleiben soll.
Die Ideale der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" können dann verwirklicht werden, so Rudolf Steiner, wenn sie den genannten drei Lebensbereichen richtig zugeordnet sind. Das Geistesleben kann nur in Freiheit gedeihen, das Rechtsleben nur durch die Gleichheit und das Wirtschaftsleben nur durch die Brüderlichkeit.
Fast 100 Jahre nach Rudolf Steiners Gedanken der sozialen Dreigliederung, hat die Menschheitsgeschichte dessen Richtigkeit bestätigt, allerdings durch  negative Beispiele. Was geschieht, wenn im Wirtschaftsleben
die Gleichheit herrscht, zeigte der Kommunismus durch sein Scheitern; was passiert, wenn im Wirtschaftsleben die Freiheit vorherrscht, zeigt die gegenwärtige Krise des Kapitalismus, der eigentlich klinisch tot ist und nur noch künstlich durch staatliche Geldspritzen am Leben erhalten wird. Der Kapitalismus frisst sich selber auf.
Wenn also Gleichheit und Freiheit für das Wirtschaftsleben in den Bankrott führen, bleibt tatsächlich nur mehr die Brüderlichkeit übrig, was Rudolf Steiner eben schon seinerzeit schlüssig darlegte, noch bevor die besagten leidvollen Menschheitserfahrungen gemacht waren, die er im übrigen vorausschauend beschrieb.
So soll in der Werkstattwoche "Wirtschaft anders denken" auch die "Soziale Dreigliederung" gedacht werden, damit ihr Dreiklang vernehmbarer wird als das, was sie zuinnerst ist, heilsam für jede Gemeinschaft von Menschen. Es ist an der Zeit.


Heinz Ullmann